Donnerstag, September 21, 2017

Roadtrip Baltikum#6: Laheemaa Nationalpark

Der Roadtrip neigt sich dem Ende zu (dann gibts hier vielleicht auch mal wieder Essbares zu sehen..). Letzte Station: Laheema Nationalpark.

Der Nationalpark liegt nur ca. 70 km östlich von Tallinn, wird deshalb auch von vielen Tagesausflüglern angefahren. Wir wollten aber gegen Ende nochmal ein paar Tage entspannen und etwas mehr Zeit zum Erkunden haben, drum haben wir uns ein kleines Appartment in Altja gebucht - auf dem wunderschön gelegenen und gestalteten "Feirienhof" (eine Art Guesthouse mit wenig Zimmern und Zeltmöglichkeiten) Toomarahva Farmstay. Ich hatte mich schon bei der Recherche in den Hof verliebt, wir haben extra die Reihenfolge nochmal umgeplant, damit wir hier ein paar Tage verbringen konnten..




Das ganze Gelände ist sehr liebevoll hergerichtet, die Besitzerin kommt zwar anfangs etwas ruppig rüber, sie taut aber auf - und serviert wunderbaren Porridge, selbtgemachte Marmelade und Johannisbeerkuchen mit Beeren aus dem Garten zum Frühstück. Auch ein besonderes Erlebnis: ein Abend im traditionellen Saunahaus (das kleine Holzhaus da oben) - mit Holz befeuert und ohne Dusche - dafür mit zwei großen Bottichen voll heißem und kaltem Wasser und Schöpfkellen. Und über deinem Kopf der Sternenhimmel..

Bei der Anfahrt von Tallinn haben wir bei einer nicht so ganz bekannten "Sehenswürdigkeit" Halt gemacht - beim verlassenen U-Boothafen Hara Saddam, einem sowjetischen Überbleibsel. Es war wohl mal eine von nur einer Handvoll Entmagnetisieranlagen für U-Boote. Nach unserer gestrigen U-Booterkundung im Marinemuseum von Tallinn irgendwie nochmal ein besonderer Ort.

Ansonsten zerfällt hier viel Beton und es wird kräftig gesprayt - mal mehr, mal weniger gut. Auf alle Fälle eine beeindruckende Anlage - so im Nirgendwo.. (GPS-Daten: 59.5885 / 25.6199).






An unserem Ankunftstag in Altja herrschte wunderbares Abendlicht - ich habe mir also gleich die Kamera geschnappt und bin ab Richtung Meer (ca. 5 Minuten zu Fuß). Die alten, teilweise reetgedeckten Fischerhütten wurden renoviert und erinnern an alte Zeiten, als ganz Altja vom Fischfang lebte.
Die kleine Halbinsel ist umringt von Findlingen - dem Wahrzeichen Laheemaas. Die vielen rundgeschliffenen Steine hat der finnische Gletscher in der letzten Eiszeit bis hier her geschoben. Jetzt ergeben sie wunderbare Fotomotive.. ;).



Abends war mal wieder Zeit für privates Abendessen auf der kleinen Terasse - sonst käme man ja gar nie dazu, die lokalen Supermarktschätze zu probieren! Am Morgen noch frisch und warm in der Muhu Bäckerei im Tellliskivi Zentrum gekauft - das leckerste Brot mit Hanf- und Sonnenblumenkörnern. Dazu Butter, mehr brauch ich ja nicht!



Getestet wurde dazu von den Männern allerdings noch estnischer Bär in der Dose - preislich eher bei den Delikatessen einzuordnen. Geschmack deutlich nach Wild - von der Machart her erinnerte das Fleisch an Rillette..

Am nächsten Morgen zeigte sich der Himmel zwar ziemlich bedeckt, die weibliche Urlauberfraktion schnürt aber Wanderstiefel - erstmal gehts auf den Altja Trail: Eher ein Spaziergang (ca. 3,5 km), aber ein wunderschöner! Sehr abwechslungsreich führt der Weg durch lichten Wald mit Heidekraut und Heidelbeeren, an Findlingen vorbei, über den durchs Eisen dunkelrotbraun gefärbten Fluss Altja und schließlich am Meer zurück. Unterwegs zeigen sich auch endlich ein paar Prachtexemplare an Pfifferlingen!







Mit Pilzbrot gestärkt fahren wir noch ein Stückchen weiter, die Wanderlust ist noch nicht ganz befriedigt - in Käsmu startet ein längerer (15 km)Wanderweg, der sich anfangs immer am Meer entlang bis zur Spitze der Halbinsel Palganeeme windet. Anschließend gehts weiter nach Süden und im Bogen wieder zurück. Wir starten relativ spät und müssen viel fotografieren (also ich.. *hust*) - wir laufen also ca. 4 km bis nach Palganeeme und dann den gleichen Weg wieder zurück. Leider zeigt sich kein Blau am Himmel - trotzdem ein wunderschöner Weg (und nach Käsmu / den Steinen zur Teufelsinsel) wird der auch sehr, sehr ruhig und einsam..

Grooße Findlinge bei Käsmu




Abends gehts dann zum ersten Mal in die Aljta Korts, der alten Taverne in Altja - wir haben einen sehr schönen Abend und beschließen - das wird morgen wiederholt! Der letzte Urlaubstag bricht an - und wider aller Vorhersagen ist strahlend blauer Himmel angesagt. Zeit für ein bisschen Strand!

In Altja an den Fischerbooten vorbei..


.. und über die Hängebrücke..


.. und dann hat man ihn praktisch für sich allein. Den Wald, den Strand, dieses wunderbar dicke, weiche Moos.. ab und an kommt ein Wanderer oder Radler vorbei. Aber wir sind so wenige, dass es für jeden reichlich Einsamkeit am Strand gibt. Endlich das Bad in der Ostsee, wenn auch nur kurz - doch ganz schön frisch!




Die Aljta Korts, die hm, "Taverne" triffts irgendwie ganz gut liegt direkt gegenüber von unserem Bed and Breakfast und wird tagsüber auch von Bussen angefahren. Abends flaut das ganze aber ab und wir finden immer einen Platz vor der großen reetgedeckten Scheune.
Wie man sieht, bekommt das Haus gerade ein neues Dach - durchaus faszinierend, den Arbeitern dabei zuzusehen. Wir erfahren: letzte Woche hat die Firma ein Dach abgenommen, das ca. 150 Jahre alt war. Dieses hier ist noch jünger - die große Linde steht zu nah am Haus, das Dach wird zu feucht und moost zu.




Die Küche serviert einfache, estnische Hausmannskost zu sehr fairen Preisen. Den ersten Abend hatten wir Schweinsbraten mit Sauerkraut und Kartoffeln - sehr, sehr fein. Besonders zu empfehlen ist außerdem der Heidelbeerkuchen mit Sahne - durchaus eine Portion für Zwei. Gern hätten wir noch Kama-Mousse probiert (Kama ist sehr estnisch - eine Mischung aus geröstetem Gersten-, Hafer- Roggen- und Erbsenmehl. Es wird traditionell in Milch, Joghurt oder Kefir eingerührt. Man kann aber natürlich auch Desserts daraus machen..)

Man kann hier auf alle Fälle hervorragend einen Nachmittag mit Bier, Kleinigkeiten zum Bier und Spielen zubringen, danach essen und danach gehts in die Sauna. Ach, was für ein schöner letzter Abend!




Am nächsten Tag beladen wir das Auto und es geht Richtung Flughafen. Da wir gut Zeit haben, gibts noch einen Zwischenstopp im Viru Moor - dem größten Hochmoor im Laheemaa Nationalpark. Es ist schön hier, aber schon voller. Wir sind schon etwas von Soomaa verdorben - das war einfach noch weiter, viel leerer und dadurch noch beeindruckender. Außerdem durfte man in den Moorseen baden, was hier verboten ist. Trotzdem - wer nur hier die Chance auf Moor hat - unbedingt angucken! Ein schöner, ca. 6-7 km langer Wanderweg führt geradewegs durchs Moor und durch den Wald zurück zum Parkplatz. Also auch ohne Führer sehr gut machbar!





Und damit enden gute zwei Wochen Baltikum. Wir hatten eine wunderbare Zeit, tolles Wetter und eine super Reisebegleitung. Wer Lust hat auf spannende Länder, in denen irgendwie Nord auf Ost auf West trifft, auf Geschichte und vor allem auf viel Natur - der ist hier definitiv richtig aufgehoben. Ich denke, das war nicht unser letzter Besuch hier - jedenfalls hoffe ich es sehr!

Teil 1: Riga
Teil 2: Ligatne
Teil 3: Sooma Nationalpark
Teil 4: Saaremaa
Teil 5: Tallinn

Mittwoch, September 20, 2017

Roadtrip Baltikum#5: Tallinn

Nach entspannten Inseltagen stand jetzt wieder etwas Stadtprogramm auf dem Plan - 2 Tage Tallinn. Die Stadt beeindruckt mit einer sehr putzigen Innenstadt mit vielen kleinen Gassen, mittelalterlichen Häusern, hohen Türmen und intakter Stadtmauer. Erstmal einen Überblick verschaffen! In der Innenstadt findet man v.a. Restaurants (in Tallinn kann man richtig gut essen..) und Touriläden. Ein paar davon mit Kitsch, aber auch richtig viele mit wertigem Kunsthandwerk. Gestricktes, Leinen,  Produkte aus Filz und Wachholderholz - und immerhin alles made in Estonia.


Einen sehr schönen Laden für Strickwaren gibt es zum Beispiel in einem Keller in der Katharinengasse (incl. Strickbücher! Hier habe ich die Gelgenheit ergriffen und ein schönes Buch "Suur Kindaramaat" mit traditionellen estnischen Handschuhmustern mitgenommen - die ältesten (teilweise etwas zerfledderten) Handschuhe stammen aus dem 19. Jahrhundert! Sie werden gesammelt und in einem Museumsarchiv aufbewahrt. Sehr beeindruckend!) Auch ein Laden mit Holzwaren ist hier zu finden.





Für Türenliebhaber bietet Tallinn auch so Einiges.. hier ist mal nur ein sehr hübsches Exemplar.


Auch wenn es auf den Bildern gar nicht soo voll aussieht - es war voll. V.a. Ströme von Kreuzschiffgästen tummeln sich auf den wichtigesten Touristenrouten. D.h. aber auch - ab 17 Uhr wirds ruhiger..
Wie in Riga fanden wir auch hier das Aufeinandertreffen von nordischer und östlicher Kultur spannend - in Lettland war der russische Einfluss aber noch deutlich mehr zu merken. In der russisch-orthodoxen Kirche hier sammeln sich v.a. Touristen. In Riga war das noch ca. 50:50.




Es gibt so viel zu entdecken! Zum Beispiel diese kleine ukrainisch-griechisch-katholische Kirche der Gottesmutter mit den drei Händen - etwas versteckt hinter einer einfachen Holztüre in der Stadtmauer (Straße Laboratooriumi). Die Gottesmutter ist für alle zu Unrecht Verfolgten zuständig. So auch für die gefährdeten Tier- und Pflanzenarten, die wunderschön auf Holztafeln zu sehen sind.

Die Kirche ist wohl nur manchmal geöffnet - wir hatten Glück. Wer die Türe offen vorfindet, der sollte unbedingt einen Blick hinein werfen! Im Untergeschoss befindet sich allerlei mechanisches Hohlzspielzeug und diverse technische Zeichnungen - die Beschriftungen waren leider in keiner uns lesbaren Sprache, drum leider keine Infos über die Hintergründe.
Außerdem kann man in der Kirche die wunderschönen handgeschöpften Kalligrafie-Karten von labora dort erwerben. Oder man besucht gleich den wunderschönen Laden in der Altstadt selbst!



Wer erstmal genug von Mittelalter hat, der kann ja mal einen Blick hinter die Stadtmauer werfen - zum Beispiel in Richtung der Markthallen hinter dem Bahnhof. Als ich vor 10 Jahren hier war, standen hier noch Holzbaracken und das ganze hatte noch einen recht urigen Flair. Heute gibt es hier eine moderne Markthalle Balti Jaam mit vielen kleinen Ständen, im Inneren auch sehr viel Essen - wir kamen zwei Mal vorbei, einmal gab es eher urig gefüllte Brote und Auflauf aus dem kleinen ukrainischen Stand, einmal die Hipstervariante - gedämpfte, vietnamesisch inspirierte Brötchen (?), köstlich gefüllt mit gegrillter Aubergine, Wakame-Algen, Sushi-Ingwer und Sojasauce. Sososo gut!

Direkt dahinter gentrifiziert es gerade ganz kräftig - im Telliskivi Viertel entstehen in alten Fabrikhallen Büros, Cafés, kleine Läden, Street Food Meilen (wir könnten wirklich den ganzen Tag essen!) und noch mehr Cafés. Außerdem jede Menge Street Art!



Unser Spaziergang führte uns dann noch weiter Richtung Hafen - im Kalamaja Viertel kann man noch zahlreiche bunte Holzhäuser bewundern. Hier wurde gerade wahnsinnig viel gebaut und renoviert - teilweise auch wieder in Holz.
Wenn man etwas Zeit hat (oder es gerade zu regnen beginnt...) lohnt sich ein Besuch des Marine-Museums Lennusadam / Seaplane Harbour. Im architektonisch sehr interessanten Wasserflugzeughangar hängt u.a. die Lembit - das einzig verbliebene estnische U-Boot aus dem 2. Weltkrieg. Bis 1990 war es im Wasser, man kann in das U-Boot hinein und das sehr beengte Leben nur so erahnen.. Wir fanden die 14 Euro Eintritt/Person jedenfalls lohnenswert!



Gegessen haben wir natürlich auch (und das sehr gut - nur hatte ich abends die große Kamera nicht mehr mit dabei).

Leib
Etwas unscheinbar hinter einem schmiedeeisernen Gartentor befindet sich erst ein kleiner Park.. und dann das Leib. Berühmt für sein selbstgebackenes Brot und die Qualität des Essens. Wir hatten Glück und ergatterten an unserem Ankunftsabend (Samstag!) noch einen Tisch ohne Reservierung. Wahninnig aufmerksamer Service, der hervorragend Englisch spricht (wie fast überall in Tallinn!), kleine Karte mit viel Wert auf lokale Spezialitäten, außerdem schon vorgeschlagene Pairings Craf-Beer + Hauptgericht. Ein bisschen laut ist es, weil im Raum noch eine laaange Tafel voller junger Frauen sitzt, aber wir genießen den Abend und v.a. das Essen sehr. Für mich das vielleicht Beste der ganzen Reise: Rinderfilet mit Pfifferlingen und knusprigem Grünkohl, danach eine wunderbare Creme Brûlée mit Roggenbrotbröselboden. Ca. 130 Euro für 4 Personen (4 Hauptgänge, davon zwei mit Craft Beer Pairing, 4 Desserts, Wasser, Espresso)
Leib Restoran, Uus 31

Pegasus
Hier sind wir eher zufällig tagsüber vorbeigeschlendert und brauchten noch ein Lokal für abends - Internet lobte, Speisekarte sah nicht verkehrt aus, also haben wir für abends reserviert. Das Restaurant über mehrere Ebenen in einem Haus im Stil der 60er orientert sich auch innen an der Einrichtung - in sehr stylish. Wir sitzen am großen Fenster und blicken auf die Straße unter uns. Das (wie hier immer vorneweg) gereichte Brot (mit Kürbiskernen und Hanfsamen) ist schon mal wahnsinnig gut. Ich esse geröstete Aubergine und Zucchini mit Tomaten-Aiioli, Rucola, Pesto und Ziegenkäseschaum, auch die anderen sind von ihren Essen begeistert. Dazu gibts eine sehr nette Kellnerin. Sehr gemütlicher Abend!
Pegasus, Harju 1

V
Das sehr gelobte, kleine vegane Restaurant in der Altstadt ist nicht mehr wirklich Geheimtipp - wir haben allerdings am Sonntag für Montag Abend noch einen Tisch reservieren können. Aber so ganz ohne Reservierung wirds vermutlich schwierig..
Auch hier - schöne Karte, für meinen Geschmack könnte noch einen Ticken weniger mit Tofuprodukten gearbeitet werden. Aber die Vorspeise - Rote Bete Ravioli mit Cashew Creme (eher Creme zwischen hauchzarter, rohen Roten Beten) war grandios! Ich hatte danach Zucchini-Nudeln mit Quinoa, gegrillter Avocado, Tofu und Pestosauce (fein! V.a. diese ganzen gegrillten Avocadohälften...) und anschließend einen Mandelcupcake, der mich nicht 100% überzeugen konnte - was aber vielleicht wirklich an veganem Backwerk an sich liegt. Alles in allem aber: sehr feine Sache und eine willkommene Abwechslung zum Fleischigen
V, Rataskaevu 12

Geschlafen haben wir im Old House Hostel - ruhig am Rande der Altstadt gelegen. Hübsch eingerichtete Zimmer, der Rest ist ein teilweise.. ääh.. interessanter Mix (Sofas mit Löwenfüßen..). Das buchbare Frühstück im Gemeinschaftsraum kann man eher sein lassen und einen Tag gabs kein heißes Wasser. Dafür können Parkplätze gebucht werden (Parken im Bereich Altstadt ist sonst wahnsinnig teuer, beim Telliskivi Zentrum gibt es aber günstige Tagestickets!). Insgesamt: Günstig (ca. 25 Euro p.Person/Nacht im Doppelzimmer), gute Lage, für uns vollkommen ok. Der gleiche Anbieter hat auch Appartments in der Altstadt - evtl. auch eine interessante Option.